Einsamkeit, Sexualität, Macht und Moral: Das Kino von Ulrich Seidl gräbt sich auf schmerzhaft-bittere Weise in menschliche Abgründe und legt Dynamiken offen, die sich in den meisten Fällen am Rand gesellschaftlicher Normen abspielen. Seidls unverkennbarer Stil, der die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentarischem bewusst verschwimmen lässt, verstört, provoziert, stößt nicht selten auf Widerstand – und entzieht sich dabei doch nie einer gewissen, oft bitteren Ironie.
Zu seinen bedeutendsten Werken zählen „Rimini“ und „Sparta“. Beide Filme standen zwar inhaltlich lose in Verbindung, funktionierten hierzulande im Kino jedoch vollkommen eigenständig. Bei der heutigen TV-Premiere zeigt sich nun ein anderes Bild: Mit „Böse Spiele – Rimini Sparta“ präsentiert Arte ab 23.35 Uhr eine rund dreistündige Fassung, die sich nicht als bloßer alternativer Zusammenschnitt versteht, sondern als neue Version.
Das ist "Böse Spiele – Rimini Sparta":
Im Zentrum stehen die Brüder Richie Bravo (Michael Thomas) und Ewald (Georg Friedrich). Richie ist ein ehemaliger Schlagerstar, der im winterlichen Rimini seinem inzwischen verblassten Ruhm nachjagt. Er tritt in heruntergekommenen Hotels vor Reisegruppen auf und bessert seine Einkünfte mit käuflicher Zuwendung auf. Als plötzlich seine erwachsene Tochter auftaucht und Geld fordert, gerät Richies ohnehin fragile Welt endgültig ins Wanken.
Ewald hingegen versucht im ländlichen Rumänien nach einer Trennung einen Neuanfang. Für die Kinder in einer perspektivlosen Gegend richtet er ein verfallenes Schulgebäude in eine Art Freizeithort her und nimmt die Rolle eines Mentors ein. Doch schon bald wächst das Misstrauen der Eltern – und womöglich nicht ganz ohne Grund.
Das ursprüngliche Projekt
„Rimini“ und „Sparta“ waren zunächst gar nicht als zwei voneinander getrennte Werke geplant. Ulrich Seidl hatte „Böse Spiele“ von Beginn an als zusammenhängendes Gesamtprojekt konzipiert. Auf Arte gibt es nun also die tolle Gelegenheit, jene Version zu sehen, die dem ursprünglichen künstlerischen Konzept des österreichischen Ausnahmefilmers am nächsten kommt – eine Vision, die es im Kino so nie zu erleben gab.
Ob dieses dreistündige Werk als Ganzes stärker funktioniert als die beiden Einzelfassungen, lässt sich nur im direkten Erleben beantworten. Fest steht jedoch: Schon in den Kinofassungen überzeugten „Rimini“ und „Sparta“ auf eindrucksvolle Weise.
Für „Rimini“ gab es in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik 3,5 von 5 Sternen. Chefredakteur Christoph Petersen hielt in seinem Fazit fest: „Selten war einem eine Ulrich-Seidl-Figur derart sympathisch – und wohl auch deshalb wirkt ‚Rimini‘ nicht ganz so gnadenlos wie frühere Filme des Regisseurs. Aber das muss ja gar nicht unbedingt etwas Schlechtes sein…“

„Sparta“ wiederum, dessen Weltpremiere beim Festival von Toronto kurzfristig abgesagt wurde, nachdem Vorwürfe gegen Seidl und sein Team wegen der Drehbedingungen für die Kinderdarsteller in Rumänien laut wurden, geht noch tiefer unter die Haut. Die FILMSTARTS-Kritik vergab starke 4 von 5 Sternen. Christoph Petersen resümiert:
„Zu den Drehbedingungs-Anschuldigungen lässt sich von außen wenig sagen – sowohl die Recherchen für den ‚Spiegel‘-Artikel als auch die ausführlichen Erwiderungen von Ulrich Seidl scheinen in sich stimmig. Also konzentrieren wir uns auf den Film selbst – und der zählt mit zu den stärksten des ‚Hundstage‘-Regisseurs, gerade weil er in gewisser Hinsicht so anders als bisherige Seidl-Werke, aber deshalb nicht weniger provokant, herausfordernd oder nachwirkend geraten ist.“
Man darf sich also auf einen Filmabend gefasst machen, der alles andere als leichte Kost darstellt – eine Herausforderung, die zugleich eine ungemein komplexe und vielschichtige Seherfahrung verspricht. Für alle, die nach weiteren Werken suchen, die keine einfachen Antworten liefern, hat FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis den passenden Tipp auf Lager:
Heute Abend streamen: Ein außergewöhnlicher Rachefilm, den man lange nicht vergessen wird – verstörender als viele Horrorfilme