Der realistischste Kriegsfilm aller Zeiten?!
Von Lutz GranertIn der intensiven letzten halben Stunde von Alex Garlands erschreckend realistisch erscheinenden Bürgerkriegs-Dystopie „Civil War“ kracht es gewaltig: Die Einheiten der Western Forces sind bis nach Washington, D.C. vorgedrungen, um den diktatorisch regierenden US-Präsidenten, der sich mit seinen letzten Vertrauten im Weißen Haus verschanzt, endgültig zu stürzen. In einem explosiven Gefecht arbeiten sich die Truppen im Schutz gepanzerter Militärfahrzeuge Stück für Stück vor.
Dass diese Kriegssequenzen erstaunlich realistisch wirken, liegt nicht zuletzt an der Beteiligung einer Person: Als militärisch-technischer Berater gab der Ex-Soldat Ray Mendoza, der zuvor in ähnlicher Funktion auch schon an „Act Of Valor“ und „The Outpost“ beteiligt war, gab er am Set Hinweise in Sachen militärischer Taktik und Verhalten im Einsatz. Das selbstbewusste Auftreten des Experten schindete auch bei Alex Garland mächtig Eindruck – und so hat er Mendoza bei seinem neusten Projekt „Warfare“ kurzerhand zu seinem Co-Regisseur befördert.
Der Kriegsfilm basiert auf einem tatsächlichen Einsatz, den Ray Mendoza im zweiten Irakkrieg selbst miterlebt hat – und zwar auf eine Art und Weise, wie man es aus dem Kino noch nicht kennt: In ihrem gemeinsam verfassten Drehbuch haben Mendoza und Garland alles getan, um die Geschehnisse mithilfe von alten Fotoaufnahmen und Interviews mit den Beteiligten so wahrheitsgemäß wie nur irgendwie möglich zu rekonstruiert. Selbst kleinste Details, etwa die Identität des Erstversorgers eines Soldaten mit gebrochenem Bein, wurden so akribisch wie möglich recherchiert, obwohl sie eigentlich keine große Rolle spielen. Zum Teil konnten die Soldaten von damals durch die Gespräche endlich traumatische Erfahrungen aufarbeiten.
Einige von ihnen schauten mit reichlich Wiedersehensfreude sogar am Set auf einem alten Flugplatz außerhalb von London vorbei, wo Produktionsdesigner Mark Digby ganze 13 (!) Gebäude anhand von Einsatzkarten und Satellitenaufnahmen nachgebildet hat. Passend dazu feierte „Warfare“ seine Weltpremiere in Los Angeles vor einem Publikum aus Kriegsveteranen und Militärangehörigen. Viele Kritiker*innen haben ihn deshalb als besonders realistisch und ehrlich bezeichnet – wenn nicht gar gleich der Superlativ des „realistischen Kriegsfilms aller Zeiten“ ausgepackt wurde. Doch das erfrischend andere Konzept weist auch einige Schwachstellen auf.
19. November 2006, der Zweite Irakkrieg tobt: In der Stadt Ramadi soll ein Platoon von Navy Seals einen Einsatz der Marines absichern. Der Trupp um den jungen Captain Eric (Will Poulter) bezieht Stellung in einem Wohnhaus und beobachtet, wie das Team im Haus gegenüber von potenziellen Feinden ausgespäht wird. Diese wagen bald einen Angriff, wobei der Scharfschütze Elliott Miller (Cosmo Jarvis) im Kugelhagel getroffen wird. Ein sogenanntes „Bradley“-Kampffahrzeug wird angefordert, aber unmittelbar vorm Abtransport des Verletzten durch eine Sprengladung zerstört. Insgesamt zwei Soldaten sind schwer verletzt und müssen mit ihren Kameraden in der angespannten Lage und umgeben von Feinden weiter in dem Wohnhaus ausharren...
Nach einem Prolog im Besprechungsraum und dem Einrichten der Stellung, läuft die restliche Filmhandlung von „Warfare“ in Echtzeit ab – und auch sonst setzt das Regie-Duo auf größtmöglichen Realismus, was sich auch in ihrer nüchternen Inszenierung niederschlägt. Diese verzichtet auf glorifizierendes Pathos, heroische Nahaufnahmen, Zeitlupen und Parteinahme – weshalb es zwischen den Kugelhageln konsequenterweise auch keinerlei Filmmusik gibt. Zudem legen sie großen Wert auf ein authentisches Verhalten der Navy Seals. Damit bestimmte Routinen, strategisches Verständnis, Militärsprache oder der Umgang mit der Waffe eingeübt werden konnten, mussten die Darsteller vor Beginn der Dreharbeiten zunächst ein dreiwöchiges Bootcamp durchlaufen. Offenbar schweißte das so stark zusammen, dass sie sich bereits in den ersten Tagen des Trainings gegenseitig den Schädel kahl rasierten, wie sie in Interviews rund um die Premiere gestanden.
Aber auch wenn man die im Bootcamp entstandene Kameradschaft der Truppe in „Warfare“ durchaus spüren kann, so fallen die Charakterzeichnungen der Soldaten aus der Einheit doch arg rudimentär aus. Tommy (Kit Connor) ist als letzter zur Einheit gestoßen und redet einfach zu viel; Elliott ist ein erfahrener Haudegen mit Vorliebe für Kautabak – und Erik vermisst seinen blauen Hoodie. Viel mehr Persönliches ist zwischen den unentwegten Funksprüchen mit Lageberichten nicht zu erfahren. Unter den Kameraden sticht D'Pharaoh Woon-A-Tai, bekannt aus der Serie „Reservation Dogs“, als Funker Ray noch am ehesten heraus, weil er später über sich hinauswachsen muss. Noch spürbar geschockt von einer Explosion und ihren verheerenden Auswirkungen, spielt er seine Verzweiflung bei der Behandlung eines stark blutenden Kameraden ebenso engagiert wie emotional.
Insgesamt aber ordnen Garland und Mendoza jeglichen Individualismus gnadenlos ihrem Anspruch nach einer objektiv-ungeschönten Rekonstruktion der Ereignisse unter. So etwa, wenn selbst ein eigentlich schon aufgegebener Raum wieder und wieder auf noch herumliegende Ausrüstung gecheckt wird, auch wenn das dramaturgisch zwar ins Leere läuft, aber dafür die redundante Sorgfalt der Militärs unterstreicht. An anderer Stelle wiederum lassen sie diese Konsequenz aber vermissen: Wie die Stellung in dem Wohnhaus im Morgengrauen eingerichtet und wer dafür auf Seiten der Einheimischen vielleicht auch sterben musste, wird durch einen Zeitsprung ausgespart – ebenso wenig wird das Schicksal der eingesperrten irakischen Familie nach Abzug der Navy Seals offenbart.
Mitreißend ist „Warfare“ trotzdem, vor allem, wenn der Film nach einer von angespanntem Warten dominierten ersten Hälfte zunehmend die hässlichen und brachialen Seiten des Krieges offenlegt. Kameramann David J. Thompson war schon bei „Civil War“ als Camera-Operator mit dabei. Nun fängt er das auch mit einem perfekten Sound auf große Unmittelbarkeit setzende, regelrecht körperlich erfahrbare Kriegsgeschehen mit Kugelhagel und Artilleriebeschuss in beweglichen, aber nie nervösen Bildern ein. „Mittendrin, statt nur dabei“, scheint hier noch mal deutlich stärker als in „Civil War“ die Devise gewesen zu sein. Die entlarvenden Funksprüche über mögliche Evakuierungsstrategien legen dabei schonungslos offen, wie kalt, brutal und berechnend Krieg geführt wird – und der wird in den meisten Fällen auch nicht etwa von Helden entschieden, wie Hollywood uns sonst so gerne weismachen will.
Fazit: Sein Realismus-Konzept zieht das Regie-Duo in seinem saumäßig spannenden Kriegsfilm konsequent durch – so gelingt Alex Garland und Ray Mendoza in „Warfare“ eine beeindruckend nüchterne, zuweilen womöglich gar etwas zu detailverliebte Rekonstruktion eines dramatischen Häuserkampfes im Irakkrieg.