Gelungenes Remake eines queeren Kino-Klassikers
Von Jochen WernerDie Tragikomödie „Das Hochzeitsbankett“ markiert im Jahr 1993 den internationalen Durchbruch des taiwanischen Filmemachers Ang Lee („Tiger & Dragon“). Nach seinem bereits komplett bezaubernden, aber im Westen weitgehend unbeachteten Debüt „Schiebende Hände“ feiert Lees zweite Regiearbeit ihre Weltpremiere im Berlinale-Wettbewerb, wo sie direkt mit dem Goldenen Bären für den besten Film ausgezeichnet wurde. Der internationale Siegeszug setzte sich anschließend noch bis zu einer Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film fort. „Das Hochzeitsbankett“ war damals ein Film, dessen Zeit schlichtweg gekommen schien: eine multikulturelle schwule Liebesgeschichte, erzählt als Verwechslungs- und Täuschungskomödie, die als Familien- und Generationen-Drama zudem an den japanischen Großmeister Ozu Yasujirō („Die Reise nach Tokyo“) erinnert.
Lee erzählte darin vom New Yorker Exil-Taiwaner Wai-Tung, der bereits seit Jahren, weit entfernt von seiner konservativen Familie, in einer Beziehung mit dem Amerikaner Simon lebt. Da seine Eltern ihn jedoch immer nachdrücklicher zu einer arrangierten Ehe drängen, entschließt sich Wai-Tung zu einer Scheinehe mit der mittellosen Künstlerin Wei-Wei, die sich aus dem Arrangement ihrerseits den ersehnten Zugang zu einer Green Card verspricht. Zweifelsohne eine Geschichte aus den frühen 1990er-Jahren, als queere Lebensweisen im Kinomainstream noch als Novum durchgingen – und auch gern mal betont bürgerlich-harmlos aufbereitet wurden, um auch das spießigere, aber gutwillige Publikum dort abzuholen, wo es sich eben damals noch befand.
Ein Remake von Ang Lees Queer-Cinema-Klassiker für die Gegenwart des Jahres 2025 stellt also in jedem Fall eine Herausforderung dar, denn in den drei Dekaden seither hat sich doch vieles verändert. Die homosexuelle Ehe ist inzwischen in den meisten (westlichen) Ländern möglich, und homosexuelle Lebensweisen sind wesentlich selbstverständlicher Teil des Alltags und auch seiner medialen Repräsentationen geworden – selbst wenn diese Errungenschaften angesichts der gesellschaftlichen Rechtsrucke, die wir gerade allüberall beobachten müssen, durchaus wieder unter Beschuss stehen. Die Plotverwicklungen von Ang Lees Vorlage sind gleichwohl heute nicht mehr in derselben Form neu durchzuspielen – zu sehr wirken sie als Erzählung aus einer anderen Zeit. Glücklicherweise weiß das auch Andrew Ahn, der Regisseur der Neuauflage „The Wedding Banquet“, der sich für die Adaption des mehr als 30 Jahre alten Stoffes mit James Schamus den Co-Autoren des Originaldrehbuchs an die Seite geholt halt.
Den bittersüßen Tonfall von Lees Film beizubehalten, und dennoch eine zeitgemäße Geschichte zu erzählen, das scheint das Ziel von Regisseur Ahn gewesen zu sein – und das gelingt überraschend gut. Voraussetzung dafür ist zunächst einmal der Mut, alles anders zu erzählen. Das beginnt damit, dass es hier zwei befreundete homosexuelle Paare sind, deren Geschichten sich zum zentralen Täuschungsmanöver verquirlen. Die Konstellation um den Koreaner Min (Han Gi-chan) und seinen asiatisch-amerikanischen Lebensgefährten Chris (Bowen Yang) ist mehr oder minder aus der Vorlage übernommen. Die Figur der heterosexuellen Untermieterin, die mehr oder weniger heimlich in den schwulen Protagonisten verliebt ist und die Scheinehe für dessen „Bekehrung“ zu nutzen versucht, braucht im Jahr 2025 aber wirklich keiner mehr. Stattdessen kommt hier das lesbische Paar Angela (Kelly Marie Tran) und Lee (Lily Gladstone) ins Spiel – die besten Freundinnen von Min und Chris, ein Vierer-Gespann als queere Wahlfamilie…
Bereits zweimal sind Lee und Angela daran gescheitert, sich per künstlicher Befruchtung fortzupflanzen, und für einen dritten Versuch fehlt ihnen das Geld. Davon wiederum hat Min genug, weshalb hier der zentrale Handlungspunkt der Scheinehe wieder ins Spiel kommt. (Dass es in einer schwul-lesbischen Community durchaus gangbare Alternativen zur klinischen Befruchtung gibt, taugt zwar später im Film für etwas komödiantische Aufregung und einen nicht völlig unerwarteten Twist, spielt aber zunächst einmal keine Rolle und stellt sicherlich das größte Logikloch von „The Wedding Banquet“ dar.)
Der zentrale Witz dieser Neuadaption besteht dann allerdings darin, dass die Verhältnisse zu den Elterngenerationen sich hier kaum als das eigentliche Problem erweisen: Während die koreanische Großmutter (Youn Yuh-jung) zwar traditionsbewusst daherkommt, aber die Scharade schnell durchschaut und still akzeptiert, inszeniert sich Angelas Mutter May (Joan Chen) als Vorzeige-Ally und (über-)kompensiert dadurch die eigene, vielleicht etwas zu demonstrativ überwundene frühere Homophobie, die ihr Angela dennoch nie so ganz verziehen hat.
Die missbilligenden Blicke der Nachbarn, denen sich Wai-Tung und Simon 1993 noch tagtäglich ausgesetzt sahen, spielen in Ahns Film keine Rolle mehr. Ein selbstverständliches, selbstbewusstes homosexuelles Leben ist möglich und muss nicht mehr (oder noch nicht wieder?) ständig behauptet und erkämpft werden. Und doch sind dadurch nicht alle Probleme gelöst, zwischen der „don’t ask, don’t tell“-Toleranz der Großmütter- und der Pride-aktivistischen Überkompensation der Mütter-Generation. Denn die Hindernisse schaffen sich die Thirtysomething-Quipster in „The Wedding Banquet“ dann eben ganz allein: von der schwulen Bindungsangst über die Holprigkeiten bei der lesbischen Regenbogenfamiliengründung bis hin zum – oh Gott – volltrunkenen Heteroseitensprung.
In Sachen Pointiertheit könnte „The Wedding Banquet“ dabei durchaus mitunter etwas spritziger daherkommen, aber man sieht sich dieses Remake dennoch stets gern an. Das liegt einerseits am hervorragenden Ensemble, das all diese Figuren als sympathische und emotional (halbwegs) komplexe Menschen zum Leben erweckt uns aus dem insbesondere Kelly Marie Tran („Star Wars 9“) herausragt. Ihre Angela ist derart ausgewogen zwischen neurotischer Hochkomik und einer geerdeten Glaubwürdigkeit, dass sie wie der emotionale Anker des ganzen Geschehens wirkt – vornehmlich im Kontrast zur überkandidelten, aber nie ins Karikatureske abgleitenden Übermutter Joan Chen.
Fazit: Andrew Ahns Remake von Ang Lees multikultureller Queer-Cinema-Tragikomödie gelingt der Spagat zwischen Respekt vor der klassischen Vorlage und unbedingt notwendiger Aktualisierung recht gut. Das Pendel zwischen Drama und Komödie schlägt nun, mehr als 30 Jahre später, mehr ins Lustige aus, aber keine der Figuren wird dabei zur bloßen Karikatur ihrer selbst. Etwas spritziger könnte „The Wedding Banquet“ manchmal sein, aber insgesamt überzeugt er als Adaption eines Klassikers ebenso wie als charmanter, queerer und ziemlich zeitgemäßer Ensemblefilm.