Wenn das Politische privat wird
Von Ulf LepelmeierDie separatistischen Spannungen im Südtirol der 1960er-Jahre sind in Anbetracht der jahrzehntelangen Ruhe in der beliebten Tourismusregion weitestgehend in Vergessenheit geraten. Regisseur Michael Kofler, der selbst aus einer ländlichen Gegend in Südtirol stammt, verleiht diesem Kapitel nun filmische Sichtbarkeit. Sein Spielfilm „Zweitland“ taucht tief ein in diese aufgeladene Zeit: Aufgrund der anhaltenden Benachteiligung der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol, die trotz eines besonderen Autonomiestatus nach dem Ende des italienischen Faschismus anhielt, verüben Separatisten im Jahr 1961 eine Serie von Bombenanschlägen auf Strommasten.
Inmitten dieser historischen Eskalation rückt Kofler jedoch nicht die Strategien oder die Ideologie der Bewegung ins Zentrum, sondern das Innenleben einer zerrissenen Bauernfamilie. Mit feinfühligem Blick für soziale Verwerfungen und persönliche Dilemmata erzählt „Zweitland“ von familiärer Verantwortung und Bindung, von innerer Zerrissenheit sowie Hass und Gewalt, die sich langsam, aber unaufhaltsam in die Seelen der Figuren einschreiben. Der Film verzichtet bewusst auf große politische Statements, vielmehr interessiert sich Kofler in seinem Spielfilmdebüt für die kleinen Gesten des Widerstands, für Ambivalenz. Er arbeitet gekonnt die Sprachlosigkeit und das gegenseitige Unverständnis zwischen den Volksgruppen heraus. Was dabei entsteht, ist ein packendes Familiendrama mit politischer Tiefenschärfe – und einer bedrückenden Aktualität.
Paul (Thomas Prenn) ist ein junger Mann mit künstlerischen Ambitionen, der sich in der Dorfgemeinschaft in Südtirol, in der er aufgewachsen ist, zunehmend isoliert fühlt. Als er im Arbeitsamt im nahegelegenen Bozen mit seinem besten Freund Hans (Fabian Mair Mitterer) in der Warteschlange steht, gehen die erhofften Stellen wieder einmal ausschließlich an italienische Bewerber. Dieser Missstand hat System, und der Frust sitzt bei beiden tief – wobei Hans weiterhin eine Zukunft in der Heimat anstrebt und dafür auch zu kämpfen bereit ist, während Paul eine Zusage für ein Kunststudium bekommen hat und anders als sein Vater dem Dorf entfliehen will. Doch dann findet die sogenannte Feuernacht statt. Pauls Bruder Anton (Laurence Rupp) muss nach der Sprengung der Strommasten untertauchen, Hans wird von der italienischen Polizei gefangen genommen und gefoltert. Nun sieht sich Paul gezwungen, im Dorf zu bleiben und zusammen mit seiner Schwägerin Anna (Aenne Schwarz) für den Hof und den Sohn seines Bruders zu sorgen.
Michael Koflers „Zweitland“ versucht ein Gefühl der Enge zu transportieren. Das Tal, in dem Paul mit Anton und Anna lebt, ist geografisch weit, aber emotional klaustrophobisch. Es ist ein Ort der Sprachgrenzen, des gegenseitigen Misstrauens – zwischen der deutschsprachigen Landbevölkerung auf der einen und den italienischen Mitbürgern sowie dem Staat auf der anderen Seite. Als in einer Nacht Dutzende Strommasten explodieren, ist das nicht der Beginn, sondern der Kulminationspunkt einer Radikalisierung, die lange vorher eingesetzt hat.
Von Beginn an werden die drei zentralen Figuren als Persönlichkeiten mit komplexen Beziehungen zueinander eingeführt. So ist das Verhältnis der Brüder zwar von Respekt, ebenso aber von Konkurrenzdenken und einer harten Kindheit mit einem sich zurückziehenden Vater geprägt. Und auch Anna, die als Eingeheiratete nicht wirklich von der Dorfgemeinschaft akzeptiert wird, ist eine für die damalige Zeit sehr fortschrittliche, durchsetzungsfähige Frau. So bemüht sie sich um einen Dialog mit der italienischen Bevölkerung, während sich ihr Mann Anton dem gewaltsamen Widerstand verschrieben hat.
Thomas Prenn („Große Freiheit“, „Biohackers“) ist in der Rolle des Paul der ruhige Protagonist des Films. Er träumt von einem Kunststudium in München, fühlt sich aber zugleich verantwortlich für den Hof – und wird so zunehmend zerrieben zwischen Loyalität und Sehnsucht. Anton wiederum wird von Laurence Rupp (“Veni Vidi Vici”) mit dem Stolz eines unangefochtenen, konservativen Familienoberhauptes und einer gewissen Härte verkörpert. Doch statt ihn zu dämonisieren, zeigt der Film auch die Enttäuschung hinter seinem Handeln – die Empörung über Ungleichbehandlung, die Ohnmacht eines Mannes, der aufgrund des Alkoholismus des Vaters zu früh Verantwortung übernehmen musste und sich innerhalb der Gesellschaft nicht mehr angemessen vertreten fühlt. Seine Frau Anna ist dabei die fortschrittlich denkende, aber trotzdem nicht anachronistisch erscheinende Seele der Familie: Aenne Schwarz („Leibniz“) verleiht ihr eine stille Würde, mit der sie sich gegen den eskalierenden Hass stemmt und dabei zunehmend selbst isoliert wird.
Kofler und Kameramann Felix Wiedemann setzen auf Nähe: Die Handkamera bleibt an den Gesichtern, verfolgt Bewegungen durch dunkle Ställe, verrauchte Dorfwirtschaften, karge Küchen. Die politischen Hintergründe bleiben dabei im Subtext präsent, statt aufdringlich didaktisch vermittelt zu werden. Gerade die unterdrückten Gefühle von Paul und Anna, die nach der eigenmächtigen, extremen Aktion von Anton ihre Wünsche zurückstellen und zum Wohl des Hofs und der Familie funktionieren müssen, werden durch die Enge der Bilder unterstrichen. Etwa dann, wenn Paul des Nachts allein in der Scheune zeichnet, neben den verhüllten Holzskulpturen des verstorbenen Vaters. Oder wenn Anna durch den Kontakt zu einer italienischstämmigen Lehrerin selbst verstärkt aus der Dorfgemeinschaft gedrängt wird.
Der Film zeichnet kein Heldenepos, kein genaues Bild des Unabhängigkeitskampfes, sondern eine tragische Spirale für die Bevölkerung und die einzelnen Familienmitglieder: So nähren Empörung und Ungleichbehandlung die Radikalisierung und nehmen Gewalt und ein Klima der Angst letztlich alle Personen in Geiselhaft, unabhängig von ihren Ansichten. Dabei vermeidet der Film eine eindeutige Haltung zu der Unabhängigkeitsfrage Südtirols – was ihn besonders aktuell macht. Denn auch heute erleben wir, wie Demokratien ins Wanken geraten, wenn Dialog durch Lautstärke ersetzt wird und Unterschiede zu Feindbildern aufgebaut werden.
Fazit: „Zweitland“ ist ein bewegendes Familiendrama vor dem Hintergrund der Südtiroler Separatistenbewegung und eine eindrückliche Reflexion über politische Gewalt und ihre Folgen. Michael Kofler gelingt ein feinfühliges Familienporträt, das eine persönliche Geschichte zweier Brüder überzeugend mit einem historischen Konflikt verwebt.
Wir haben „Zweitland“ beim Filmfest München 2025 gesehen, wo der Film in der Reihe „Wettbewerb CineCoPro “ seine Weltpremiere feierte.