Haps
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Haps

Der (kleine) Kino-Bruder von "4 Blocks"

Von Pascal Reis

In der Erfolgsserie „4 Blocks“ ist es erstmals gelungen, bewegte Genre-Bilder mit der Welt des Deutschraps formvollendet in eine organische Symbiose zu bringen. Die dichte Atmosphäre, der kompromisslose Erzählstil und das authentische Lebensgefühl einer Subkultur, die im hiesigen Mainstream oft missverstanden oder verzerrt dargestellt wurde (so etwa im Bushido-Kinofilm „Zeiten ändern Dich“), haben „4 Blocks“ zu einem stilprägenden popkulturellen Phänomen von nachhaltiger Wirkung gemacht.

Haps – Crime Doesn't Pay“ ist ein direktes Echo des Erfolgs von „4 Blocks“. Regisseur Ekrem Engizek („Koxa“) lehnt sich spürbar an den Stil der Gangster-Serie an und verfolgt das ambitionierte Ziel, Deutschrap mit einer tiefgehenden Milieustudie zu verknüpfen – ein Ansatz, der insbesondere dann überzeugt, wenn der Film sich konsequent als kompromissloser Knast-Thriller versteht. Doch der Anspruch, zugleich auch noch einen pädagogischen Mehrwert zu liefern, führt immer wieder zu hinderlichen Widersprüchen und untergräbt die stringente Erzählweise.

Khalil (Kais Setti) wird zum unberechenbaren Problem für Alex. Engizek Films
Khalil (Kais Setti) wird zum unberechenbaren Problem für Alex.

Alexander Rothstein (Constantin von Jascheroff) landet hinter Gittern und muss seine schwangere Frau (Xenia Assenza) draußen allein zurücklassen. In seiner neuen Realität ist er gezwungen, sich eine Zelle mit seinem unberechenbaren arabischstämmigen Mithäftling Khalil (Kais Setti) und dem stoischen Russen Viktor (Amir Israil „Asche“ Aschenberger) zu teilen. Schon bald erkennt Alex, dass im Gefängnis ein ganz eigenes, brutales Regelwerk herrscht.

Alex versucht, das Beste aus seiner bedrückenden Lage zu machen und den ständigen Demütigungen von Khalil irgendwie zu entkommen. Dabei gerät er in Kontakt mit dem kurdischen Gangsterboss Mazlum (Cem Öztabakci), der von Alex’ krimineller Vergangenheit erfährt. Gemeinsam schmieden sie einen riskanten Plan und starten ein Drogengeschäft aus dem Knast heraus. Doch die Allianz mit Mazlum ist alles andere als vertrauensvoll, Alex ist Teil eines gefährlichen Spiels...

Für die gute Sache

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass „Haps – Crime Doesn't Pay“ nicht nur ein für sich stehender Film, sondern Teil einer umfassenden Kampagne zur Prävention von Jugendkriminalität ist. Regisseur Ekrem Engizek lässt keine Gelegenheit aus, diesen Hintergrund in der Öffentlichkeit zu betonen – und das nicht ohne Grund: Schließlich teilen er und ein großer Teil des Ensembles eine Vergangenheit, in der Träume von Respekt und Reichtum letztlich hinter kalten Gefängnismauern endeten.

Es ist zweifellos ein ehrenwertes Anliegen, „Haps – Crime Doesn't Pay“ als ein umfassendes 360°-Projekt zu begreifen, das veranschaulichen soll, wie der Weg in die Kriminalität unweigerlich zu Reue und Schmerz führt. Doch genau hier liegt das Problem: Regisseur und Drehbuchautor Ekrem Engizek gelingt es nur selten, diesen moralischen Anspruch stimmig in die Erzählung zu integrieren. Statt eines subtilen Verwebens mit der Handlung setzt der Film auf schnell ermüdende Belehrungen – allen voran von Hauptdarsteller Constantin von Jascherschoff, der aus dem Off mantraartig Sätze wie „Monster werden nicht geboren, Monster werden erschaffen“ beisteuern muss.

Wie viel Schmerz kann Alex (Constantin von Jascheroff) noch einstecken? Engizek Films
Wie viel Schmerz kann Alex (Constantin von Jascheroff) noch einstecken?

Die Moralappelle führen zunehmend zu tonalen Unstimmigkeiten, da Engizek offenbar auch eine gewisse Faszination für den erbarmungslosen Gefängnisalltag hegt. Immer wieder labt sich die Kamera am tätowierten Körper von Viktor, während ein Angriff auf einen Pädophilen unter der Dusche durch den Einsatz von Zeitlupe fast schon eine ikonische Qualität erreicht. Die Gesetze hinter Gittern, die hierarchischen Strukturen, die Gewalt, aber auch das Gemeinschaftsgefühl – Engizek scheint diesem rauen Mikrokosmos nicht ganz abgeneigt, obwohl er gleichzeitig beständig mahnen möchte.

Auch Gangster spielen Mau-Mau

„Haps – Crime Doesn't Pay“ gehört aber auch zu den Filmen, die mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Wirkung entfalten. Zu Beginn fällt es schwer, sich das ein oder andere Grinsen zu verkneifen, da der omnipräsente Einsatz von Produktplatzierungen (u.a. DEF und GANT) sowie der gerne bemüht klingende Straßenslang eher an raschelnde Drehbuchseiten als an Authentizität gemahnen. Dennoch gelingt es dem Film bereits früh, mit präzisen Beobachtungen wie der Tatsache, dass selbst Gangster Mau-Mau spielen, eine bemerkenswerte Lebensnähe zu erzeugen, die die kalte, von Hoffnungslosigkeit gezeichnete Gefängnisarchitektur leise aufbricht.

Im Laufe der Zeit findet die Inszenierung spürbar zu ihrem eigenen Rhythmus, insbesondere weil der Regisseur spätestens in der zweiten Hälfte des mit 128 Minuten fraglos zu lang geratenen Films offen eingesteht, dass er sich den Konventionen des amerikanisch geprägten Gefängnis-Genres sehr wohl unterordnet. Der entscheidende Wendepunkt lässt sich dabei ebenfalls klar ausmachen: Um seine zunehmende Verrohung auch nach außen zu tragen, rasiert sich Alex den Kopf. Aus dem einst blonden Tom-Schilling-Verschnitt wird plötzlich ein glaubwürdiger harter Hund mit der archaischen Präsenz eines Edward Norton aus „American History X“.

Viktor (Asche) weiß, dass im Knast das Gesetz des Stärkeren gilt. Engizek Films
Viktor (Asche) weiß, dass im Knast das Gesetz des Stärkeren gilt.

Es fällt kaum ins Gewicht, dass „Haps – Crime Doesn’t Pay“ seinen Krimi-Plot rund um Darknet, Bitcoin und Drogenhandel etwas unbeholfen konstruiert und irgendwann nicht mehr bemüht ist, traditionelle Männlichkeitsideale zu hinterfragen, sondern diese vielmehr plakativ zur Schau stellt – häufig gekoppelt mit Begriffen wie „Ehre“ und „Loyalität“. Letztlich folgt der Film einfach den Regeln des düsteren Thriller-Genres, in dem es vor allem um den unmittelbaren, adrenalintreibenden Effekt geht – und das auf eine grimmig-rohe Weise. Als ungestümer Knast-Reißer funktioniert der Film ziemlich solide und lässt den mit Rap-Ikonen wie Azad und Haftbefehl bestückten Soundtrack umso kraftvoller auf der Tonspur mitschwingen.

Eine echte Entdeckung ist ebenfalls noch hervorzuheben: Die zukünftigen Filmprojekte von Rapper Asche versprechen Potenzial. Zwar wirkt seine Performance zu Beginn noch etwas steif, doch entwickelt sich sein aus St. Petersburg stammender Viktor zunehmend zu einer fesselnden Figur. Dies liegt nicht nur daran, dass Asche es versteht, mit minimaler Gestik und Mimik eine spürbare Intensität zu erzeugen. Der in Bochum aufgewachsene Rapper bringt zudem eine einnehmende Aura mit, die er nun auch gekonnt auf der Leinwand entfaltet.

Fazit: Mit „Haps – Crime Doesn’t Pay“ reiht sich Regisseur Ekrem Engizek etwas ungeschickt, aber dennoch entschlossen in die Tradition brutaler Gefängnisfilme ein. Während die moralischen Appelle häufig aufgesetzt wirken, versteht es der Film in der zweiten Hälfte, als düsteres Genre-Kino einiges an Intensität zu entfalten.

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