Das Remake eines absoluten Kultfilms aus den Neunzigern
Von Jörg BrandesDie schwarzhumorige irisch-britische Komödie „Lang lebe Ned Devine!“ aus dem Jahr 1998 war ein waschechter Arthouse-Hit. Kirk Jones fand mit seinem herzigen Film um einen erschwindelten Lottogewinn auch hierzulande ein dankbares Publikum, am Ende standen mehr als eine halbe Million verkaufte Tickets zu Buche. Wer träumt auch nicht von einer großen Summe Geld, die ein zumindest finanziell sorgenfreies Leben ermöglichen würde? Ein gutes Vierteljahrhundert später kommt nun ein französisches Remake in unsere Kinos. Warum? Egal! Nötig wäre es jedenfalls nicht gewesen, denn Regisseur und Co-Autor Hervé Mimran („Das zweite Leben des Monsieur Alain“) hält sich weitgehend ans Original. Er verpasst der Story weder ein Update noch fügt er ihr Wesentliches hinzu.
Schauplatz ist natürlich nicht mehr ein abgelegenes Dorf an der irischen Küste, sondern ein ähnlich gelagerter Ort auf einer bretonischen Insel. Dort verfolgt Henri (Gérard Darmon) gespannt die Ziehung der Lottozahlen im Fernsehen. Erneut ist ihm das Glück nicht hold. Aber dann kriegen er und sein Kumpel Jean-Jean (Didier Bourdon) eher zufällig spitz, dass jemand aus ihrem Dorf den Jackpot geknackt hat. Heimlich versuchen sie herauszufinden, wer es ist. Bald haben sie den Gewinner ermittelt. Doch der alte Bodvaël sitzt mit dem Spielschein in der Hand tot vor seinem noch laufenden TV-Gerät. Gleichzeitig mit dem Glück hat ihn der Schlag getroffen. Da der Unglücksrabe keine Angehörigen hat, würde die Lotteriegesellschaft den Gewinn behalten. Das soll so nicht sein, denken die Freunde – und hecken mit Henris Frau Nadèche (Chantal Lauby) einen raffinierten Plan aus, um selbst an das Geld zu kommen…
So weit, so bekannt. Und was dann folgt, wird denen, die „Lang lebe Ned Devine!“ kennen, noch viele weitere Dèja-vu-Momente bescheren. Die vom Original direkt übernommenen Handlungselemente und Pointen funktionieren freilich auch im Remake. So tut Mimran daran, gleich den ersten Gag aus dem Werk seines Vorgängers eins zu eins zu übernehmen: Einen lustigeren Einstieg in den Plot kann man sich schließlich kaum vorstellen. Unverständlich dagegen, warum er den schönen Schlusstwist nicht übernimmt.
Doch im Allgemeinen sind die Abweichungen vom Original nur marginal. In der neuen Version etwa schickt die Lotteriegesellschaft eine Frau statt eines Mannes, um sich des Gewinners anzunehmen und seine Identität zu prüfen. Auch dass aus der Dorfquerulantin Lizzy Quinn nun ein Querulant namens Isidore (François Chattot) geworden ist, hat ebenfalls wenig Einfluss auf die Handlung.
Im Grunde aber sollte man für die Treue zum Vorgängerfilm dankbar sein. Denn wo der Regisseur und das Skriptteam eigene Akzente setzen, wirkt es meist bemüht. Als Beispiel sei ein Trip von Henri und Jean-Jean aufs Festland genannt, der dazu dient, sich in Brest gefälschte Papiere zu besorgen. Erst bekommen es die beiden mit einer durchgeknallten Autofahrerin, dann mit einem neonazistischen Hitler-Fan und schließlich mit aufgebrachten Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu tun. Das ist leider gar nicht komisch und dazu auch noch für die Story irrelevant. Und die amourösen Avancen, die eine schon etwas betagtere Frau dem stämmigen Jean-Jean macht, sind hier von so plump-derber Art, dass man sich kurzzeitig gar an Sexklamotten aus den späten 1960er Jahren erinnert fühlt.
Ansonsten ist der Blick in den von der Nähe zur rauen See geprägten dörflichen Mikrokosmos auch hier sympathisierend. Allerdings geht der teils gröbere Witz auch mit einer etwas gröberen Figurenzeichnung einher. Immerhin gewinnen die drei Hauptcharaktere markantere Konturen: Henris Frau Nadège – überzeugend gespielt von Chantal Lauby, die bei uns vor allem als Gattin des Titelantihelden aus den „Monsieur Claude“-Filmen bekannt sein dürfte – wird hier bei der Gewinnbeschaffungsplanung gar zur treibenden Kraft.
Aber auch Gérard Darmon („Asterix & Obelix: Mission Cleopatra“) und Didier Bourdon („Ein gutes Jahr“) mimen ihre liebenswert-durchtriebenen Charaktere kompetent. Dabei verkörpert Bourdon mit dem stämmigen und jovialen Jean-Jean einen etwas anderen Männertyp als sein Pendant David Kelly, der den knochigen Michael aus dem Urfilm etwas zurückhaltender gab. Deshalb entfaltet der berührendste Moment in „Das große Los“, in dem Henri seine Trauerrede für den verstorbenen Bodvaël plötzlich auf Jean-Jean ummünzen muss und daraus eine Freundschaft-Bekundung macht, auch nicht ganz so eine emotionale Wucht wie die entsprechende Szene im Original.
Fazit: Das eher bemüht als inspiriert wirkende Remake bleibt in vielerlei Hinsicht hinter dem kultigen Original zurück. Lang lebe Ned Devine!