„Blessed are the forgetful, for they get the better even of their blunders.“
Gleich vorweg: Ich werde zwar nichts Wichtiges spoilern, muss jedoch auf die Handlung eingehen. In meinen Augen ist selbst die es wert nicht verraten zu werden. Wen das allerdings nicht stört, kann beruhigt weiterlesen. Trotzdem empfehle ich den Film ohne Trailer oder Zusammenfassung zu sehen.
Selten will ich einen Film unbedingt sehen aufgrund des Drehbuchschreibers. Aber Charlie Kaufman hat das bei mir geschafft. Für mich ist er einer der innovativsten Leute in der Filmbranche. Seine Werke sind seit 1999 allesamt faszinierend, facettenreich und vor allem zeitlos. Zuerst arbeitete er mit Spike Jonze („Being John Malkovich“ & „Adaptation“), George Clooney („Geständnisse“) und schließlich mit Michel Gondry. 2004 entstand in dieser Zusammenarbeit der einzigartige Film „Vergiss mein nicht!“ (im Original „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“) mit Jim Carrey und Kate Winslet. Hier begann der Durchbruch für Kaufman, denn er gewann hierfür (absolut verdient) den Oscar fürs beste Drehbuch. Winslet war zudem noch für die Trophäe der besten Hauptdarstellerin nominiert. Auch wenn die Oscars mittlerweile längst nicht mehr den Stellenwert haben, den sie einst repräsentierten, so ist es doch fast schon lachhaft, dass „Vergiss mein nicht!“ nur diese zwei Nominierungen erhielt. Gondrys Film war seiner Zeit deutlich voraus und wäre heutzutage ganz anders aufgenommen worden, wie auch Paul Thomas Andersons „Punch Drunk Love“ von 2002. Fun Fact: Komponist Jon Brion war an beiden Filmen beteiligt, „Vergiss mein nicht!“ und „Punch Drunk Love“. Doch nun zum Meisterwerk von Michel Gondry und Charlie Kaufman.
Joe Barish ist introvertiert, schüchtern und findet sich selbst uninteressant. Doch als er auf die farbenfrohe und energiegeladene Clementine trifft, verändert sich sein Leben. Leider zerbricht die Beziehung und Joel erfährt, dass Clem ihn aus ihrer Erinnerung gelöscht hat mittels eines neuen Verfahrens. Joel beschließt dasselbe zu tun und wendet sich an Dr. Mierzwiak. Der erklärt ihm die Prozedur und wir erleben nun langsam mit, wie Clementine aus Joels Gedächtnis gelöscht wird…
Glücklicherweise wusste ich nichts über den Film, aber das ist mittlerweile für mich Normalität geworden. Keine Trailer, es sei denn es ist ein großer Hollywood-Blockbuster.
Wie beschriebt man einen Film wie „Vergiss mein nicht!“? Wie beschreibt man generell einen Kaufman-Film bzw. ein Kaufman-Script? Es ist sehr schwer. Man könnte ganze Filmanalysen schreiben, woran man schonmal erkennt, dass seine Werke unfassbar facettenreich und ausgeklügelt sind. „Vergiss mein nicht!“ nimmt hier einen besonderen Platz ein. Waren Kaufmans Werke vorher meist auf einer humorvollen, absurden Ebene eingeordnet, so geht er hier eine deutlich emotionalere Schiene. Nicht, dass das besser oder schlechter wäre, aber es machte das Drehbuch denk ich zugänglicher für viele Zuschaue. Klischeehafterweise muss auch ich sagen, dass „Vergiss mein nicht!“ mich tief berührt hat.
Regisseur Gondry inszeniert Kaufmans intelligentes und spektakuläres Script mit viel Intimität, was sich besonders durch die tolle Kamera von Ellen Kuras und den Schnitt von Valdís Óskarsdóttir zeigt. Gerade wenn es deutlich absurder zugeht, erhält der Film seine einzigartige Note. Und Kaufman schafft es trotz vieler klarer Parallelen zu seinen anderen Werken, jede Arbeit frisch und neu wirken zu lassen. Er hat zwar seinen Stil, aber der ist extrem variabel. Natürlich funktioniert der Film super, wenn man nichts über die Ereignisse weiß, da es hier und da einige starke Wendungen gibt. Aber Kaufman hat die seltene Gabe einen Film auch trotz dieser Überraschungen sehenswert zu machen, weswegen man „Vergiss mein nicht!“ mehrmals ansehen sollte. Kleine und große Details im Hintergrund werden beim zweiten und dritten Mal Schauen mehr Aufschluss über die Figuren und ihre Handlungen bieten, was aber nicht heißt, dass man der Geschichte beim ersten Mal nicht folgen kann.
Kommen wir zum Cast, denn der macht den Film erst so richtig charmant! Jim Carrey ist ja durch seine humoristisch, durchgeknallten Rollen aufgefallen und berühmt geworden („Ace Ventura“, „Dumm & Dümmer“ oder „Die Maske“), aber wenn sein dramatisches Repertoire auspackt, ist er in meinen Augen einfach am besten. Er kann mich wirklich berühren und mitreißen, was er bereits in „Die Truman Show“ meisterhaft gezeigt hat. In „Vergiss mein nicht!“ hat er dies sogar noch übertroffen. Seine introvertierte Figur Joel wirkt echt und real, was sicherlich auch dem Script von Kaufman zu verdanken ist. Das Gleiche gilt auch für die große Kate Winslet. Dass sie eine tolle Schauspielerin ist, weiß sicherlich jeder, aber in Verbindung mit dem Drehbuch entfaltet sie ungeahnte Qualitäten. Die Figuren fühlen sich echt an und vor allem die Beziehung der beiden fühlt sich echt an. Ein Film, der die klassischen Hollywood-Beziehungen meisterhaft entromantisiert.
Auch der restliche Cast ist stark mit Elijah Wood, Mark Ruffalo, Kirsten Dunst und Tom Wilkinson. Deren Nebengeschichte kann zu Beginn etwas trivial wirken, findet aber gegen Ende eine wundervolle Berechtigung.
Ein letztes Wort zum Soundtrack von Jon Brion: Ein weiterer faszinierender Score, der oftmals im Kontrast zum Geschehen steht, was ich äußerst spannend finde.
Fazit: „Vergiss mein nicht!“ ist ohne Zweifel einer der besten Filme des ersten 2000er Jahrzehnts und eine der besten Romanzen, die ich je gesehen habe. Eine einzigartige Symbiose aus vielen verschiedenen Elementen. Gondry, Kaufman, Carrey und Winslet stehen hierbei an vorderster Front, da sie alle hier womöglich eine ihrer besten Arbeiten vollbracht haben. Ein zeitloses Filmjuwel!