Ghost Elephants
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ghost Elephants

Auf der Suche nach dem größten Elefanten der Welt

Von Michael Bendix

Schon wenige Minuten, nachdem das Logo von National Geographic eingeblendet wurde, wird klar, dass wir uns eben nicht in irgendeiner Naturdokumentation befinden, sondern in einem waschechten Werner-Herzog Film. Da steht der Biologe, Ökologe und Naturschützer Dr. Steve Boyes mitten im weltbekannten Smithsonian Institut in Washington D.C. neben einem riesenhaften präparierten Elefanten namens Henry, bei dem es sich um das größte Exemplar seiner Art gehandelt haben soll – allein seine Haut wiegt zwei Tonnen. Wenn Boyes von dem 1955 vom ungarischen Großwildjäger Josef J. Fénykövi erlegten „größten Elefanten der Welt“ erzählt, überschlägt sich seine Stimme förmlich vor Begeisterung, er gestikuliert aufgeregt, fällt sich immer wieder selbst ins Wort, während er versucht, das Unbeschreibliche in Sätze zu gießen.

In Boyes erkennt man sofort eine dieser Figuren, von denen Werner Herzog früher in Spielfilmform erzählt hat – in „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder „Fitzcarraldo“ –, bevor er seine Arbeit immer mehr ins Dokumentarische verlagert hat. Er fügt sich nahtlos ein in die Reihe an Vulkanologen („In den Tiefen des Infernos“), Luftfahrtingenieuren („The White Diamond“), Amateur-Naturschützern („Grizzly Man“) oder Höhlenforschern („Die Höhle der vergessenen Träume“), die bisherige Dokumentarfilme der Regie-Legende bevölkert haben. Getriebene und Obsessive, die ihr Dasein ganz und gar einer bestimmten Sache verschrieben haben, selbst wenn ihnen dabei Unmögliches abverlangt wird, ihr Scheitern unausweichlich ist oder ihr Leben in Gefahr gerät. Herzog interessiert sich nicht zuletzt deshalb so sehr für sie, weil er sich in ihnen wiedererkennt.

Haben die mythenumrankten „Geister-Elefanten“ tatsächlich in den unerforschten Hochländern Angolas überlebt? National Geographic
Haben die mythenumrankten „Geister-Elefanten“ tatsächlich in den unerforschten Hochländern Angolas überlebt?

Bei den titelgebenden Geister-Elefanten handelt es sich um Elefantenpopulationen, die durch Wilderei und Bürgerkriege in dramatischem Ausmaß dezimiert wurden und deren verbleibende Exemplare sich in den schwer zugänglichen, nahezu unbewohnten Hochländern Angolas angesiedelt haben. Seit zehn Jahren sucht Boyes schon nach Spuren der mythenumrankten Tiere – in „Ghost Elephants“ steht seine Expedition ins sogenannte Bié-Plateau im Mittelpunkt, die er unter anderem mit einer Gruppe von namibischen Spurenlesern unternimmt. Es ist – wie könnte es anders sein in einem Film von Werner Herzog – ein Wahnsinnsunterfangen: Schließlich ist der Umfang des weitgehend unerforschten Zielgebiets vergleichbar mit der Größe von England, Straßen gibt es ebenso wenig wie Brücken. Und so muss im Laufe der Mission zwar nicht wie in „Fitzcarraldo“ ein ganzer Flussdampfer über einen Berg gehievt, dafür aber eine ganze Reihe von Koffern, Utensilien und zwölf Motorräder durch flache Gewässer bewegt werden – mehrmals.

Werner Herzogs unverwechselbare Stimme, tief raunend und brüchig und natürlich in seinem ganz eigenen, zutiefst charakteristischen Englisch mit starkem bayerischen Akzent, erklingt dabei diesmal nur als Voiceover. Während er sich in vorangegangenen Filmen wie „Begegnungen am Ende der Welt“ gern als aktiver Teilnehmer inszenierte und selbst ins Bild rückte, suggeriert er diesmal nur, vor Ort dabei gewesen zu sein – etwa wenn er nicht nur als staunender, gern übertreibender, auch mal exzentrisch-humorvoll beobachtender Kommentator, sondern auch als Interviewer in Erscheinung tritt. Genau werden wir es vermutlich ohnehin nie erfahren, war Herzog doch immer schon mehr an (auch der eigenen) Mythologisierung interessiert als an definitiven Wahrheiten. Zudem hat spätestens „The Fire Within: Requiem For Katia And Maurice Krafft“ gezeigt, dass der mittlerweile über 80-jährige Regisseur notfalls auch aus Fremdmaterial ein Werk schaffen kann, das zu hundert Prozent seine Handschrift trägt.

Ein Abenteuerfilm – und noch viel mehr

Wie eigentlich immer in seinen besten dokumentarischen Arbeiten ist das eigentliche Thema nur ein Schauplatz von vielen. Die Geschehnisse von „Ghost Elephants“ könnten auch als Abenteuerfilm erzählt werden – und zum Teil fühlt er sich auch so an. Doch Herzog schaut und hört vor allem überall dort zu, wo sein Interesse geweckt wird. Wir treffen Stämme, die sich durch stundenlange ritualisierte Tänze mit den Seelen der Tiere zu verbinden versuchen. Wir erfahren von Käfern, deren Kokons ein unmittelbar tödliches Gift absondern, und halten eine Sitzung mit einem afrikanischen König ab.

Elefanten sehen wir auch – unter anderem in tatsächlich geisterhaften Nachtsichtaufnahmen. In einer besonders eindrucksvollen Szene filmt die Kamera badende Elefanten, aber unter Wasser, wo ihre gewaltigen Beine einen schwerelosen Tanz mit dem von ihnen aufgewirbelten Sand vollziehen. Herzog geht es dabei zum einen um die Sensation einer noch immer von Geheimnissen umgebenen Welt. Zum anderen nimmt er das Spirituelle ebenso ernst wie das wissenschaftlich Verifizierte. Und wenn er den uns fremd anmutenden Alltag der Ju/'Hoansi – eine Untergruppe der San (Buschleute) in Namibia – beobachtet, sucht er stets das Verbindende. „Das sind wir“, sagt er einmal aus dem Off.

Auf den immer wieder auftauchenden Nachtsichtbildern haben die Elefanten tatsächlich etwas Geisterhaftes. National Geographic
Auf den immer wieder auftauchenden Nachtsichtbildern haben die Elefanten tatsächlich etwas Geisterhaftes.

Zwischendurch zeigt er uns Ausschnitte aus „Africa Addio“, einem berüchtigten italienischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1966, der auf außbeuterische Art und Weise die blutigen Konflikte im Zuge des Zerfalls der kolonialen Ordnung auf dem afrikanischen Kontinent und auch die Tötung von Elefanten durch Wilderer im brutalen Detail ins Bild rückt. Die Verzweiflung über die Menschheit und die Liebe zum Menschsein sind im letztlich humanistischen Weltbild von „Ghost Elephants“ zwei Seiten derselben Medaille.

Boyes muss sich derweil mit der Frage auseinandersetzen, ob es ihm letztlich wirklich darum geht, sein Ziel zu erreichen. „Macht es einen Unterschied, ob die Elefanten ein Traum oder Realität sind?“, fragt ihn Herzog einmal. Er ziehe den Traum vor, antwortet Boyes – denn so bliebe er immer am Leben und seine längst zum Daseinszweck gewordene Suche müsste nicht enden. Den Traum am Leben halten, nie mit der Suche aufhören: In diesem Motto spiegelt sich sicherlich auch Herzogs Antrieb zum Immer-weiter-Filmemachen.

Fazit: Ein Dokumentarfilm, wie ihn nur Werner Herzog drehen kann, in dem die lebende Regie-Legende einmal mehr ihrer Faszination für von ihrem Traum getriebene Figuren und die unerschöpflichen Geheimnisse unserer Welt nachgeht.

Wir haben „Ghosts Elephants“ beim Filmfest Venedig 2025, wo er anlässlich des Ehrenpreises für Werner Herzog außer Konkurrenz seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren