Ein ganz, ganz schwacher Auftakt für das "Mickeyverse".
Von Lutz GranertSeinen ersten öffentlichen Auftritt feierte die wohl bekannteste Cartoon-Figur der Welt im Jahr 1928. In dem mit vielen Slapstick-Einlagen angereicherten Zeichentrick-Klassiker „Steamboat Willie“ ging Micky Maus, damals noch in Schwarz-Weiß, auf einem Flussdampfer unter Kapitän Karlo auf große Fahrt und sammelte unterwegs als Fracht zahlreiche Farmtiere auf. Das fröhlich pfeifende Nagetier mit den charakteristischen Riesenohren und der Quietsche-Stimme wurde zum Maskottchen des mächtigen Disney-Konzerns. Aber nicht mal der konnte verhindern, dass das Urheberrecht an dieser ersten Version der Kultfigur nach 95 Jahren unweigerlich ausläuft. Das heißt: Seit 2024 kann jeder Micky Maus – zumindest in ihrem ersten Erscheinungsbild – frei nutzen, ohne beim Mäusehaus um Erlaubnis fragen zu müssen. Und genau das hat Produzent, Autor und Hauptdarsteller Simon Phillips direkt getan – und stellte bereits direkt am Neujahrstag den ersten Teaser zu „The Mouse Trap“ mit Micky Maus als Massenmörder online. Der Clip ging viral und erreichte ein Millionenpublikum.
Wenn man um all das weiß, ist es schon ziemlich dreist, wenn Filmemacher Jamie Bailey („Deinfluencer“) gleich zu Beginn von „The Mouse Trap“ in einem ironischen und viel zu langen Lauftext, der an „Star Wars“ und somit an ein weiteres Disney-Franchise erinnert, auf seine fehlgeschlagenen Kontaktversuche mit dem Entertainmentriesen hinweist. Dabei betont er gleich mehrfach, dass Disney nichts mit seiner düsteren Mickey-Maus-Interpretation zu tun habe. Dabei dürfte ja ohnehin jedem Zuschauenden sofort klar sein, dass der Milliardenkonzern seine Lieblingsfigur freiwillig weder in einem derartig blutigen noch in einem derartig billigen Film auftreten lassen würde. Diese Spitzfindigkeit bleibt aber auch schon der beste Gag in einem uninspirierten und öden Slasher, der an nur acht Tagen im Sommer 2023 im kanadischen Ottawa heruntergekurbelt wurde.
Alex (Sophie McIntosh) und Jayna (Madeline Kelman) arbeiten zusammen in einer weitläufigen Spielhalle mit Arcade Games und Kirmes-Attraktionen. An Feierabend ist jedoch noch lange nicht zu denken, denn ihr Boss Tim Collins (Simon Phillips) verspricht den Freundinnen einen ordentlichen Zuschlag, wenn sie sich um eine Gruppe kümmern, die sich für den Abend kurzfristig eingemietet hat. Überraschend stellt sich heraus, dass es sich um Alex’ Freunde handelt, die mit ihr gemeinsam ihren anstehenden 21. Geburtstag feiern wollen. Doch die Freude und der Partyspaß währen nur kurz, denn in der geschlossenen Spielhalle geht ein Killer mit Mickey-Maus-Maske um...
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Pu der Bär war 2022 die erste Disney-Figur, die gemeinfrei genutzt werden konnte. Darauf hatte der britische Filmemacher Rhys Frake-Waterfield offenbar nur gewartet, der das Märchen aus dem Hundert-Morgen-Wald als düsteres Slasher-Spektakel für Erwachsene neu interpretierte: Auch wenn das mit sichtlich schmalem Budget inszenierte Gemetzel zwischen regelrechten Blutbächen jeglichen Charme vermissen ließ, wurde „Winnie The Pooh: Blood And Honey“ zum internationalen Überraschungshit, um den mit Nachfolge-Produktionen wie „Peter Pan’s Neverland Nightmare“ und dem demnächst anlaufenden „Pinocchio: Unstrung“ gerade ein ganzes Filmuniversum gestrickt wird. Dasselbe haben unter ähnlichen Voraussetzungen nun auch Jamie Bailey und Simon Phillips im Sinn, wie in einer After-Credit-Szene wenig subtil angeteasert wird: Nur lässt der mit sichtlich wenig Geld gedrehte Horror-Thriller „The Mouse Trap“ das erwartete Kunstblut weitgehend vermissen.
Kommen die ersten 15 Minuten, in den bei einer Projektion von „Steamboat Willie“ der Geist von Micky Maus in den Arcade-Manager Tim fährt, noch halbwegs spannend daher, ist danach erst einmal ewig langer Leerlauf angesagt. Eine Handvoll austauschbarer Teenager-Klischeefiguren werden eingeführt und dürfen erst einmal anstoßen – was jegliches Erzähltempo zum Erliegen bringt. Zwischen notgeiler Sexbesessener, ihrem männlichen Pendant, eingebildeter Gothic-Zicke und zugedröhnt-plumpem Eishockeyspieler ist Alex’ nerdiger Kindheitsfreund Marcus (Callum Sywyk) noch am erträglichsten. Selbst wenn er – zumindest in der flach abgemischten deutschen Synchronisation – arg halbgar den selbstironischen „Ich komme gleich wieder“-Dialog aus „Scream“ (1996) rezitiert. Einer von mehreren müden Meta-Gags über Teenie-Slasher der 80er und 90er Jahre, von denen Drehbuchautor Simon Phillips nach eigenen Angaben ein großer Fan ist.
Jamie Baileys Regieanweisungen scheinen sich zumeist auf „Steht gelangweilt rum!“ beschränkt zu haben, denn solche Szenen, in denen zu etwas Gezeter einfach gar nichts passiert, dominieren den spürbar mühsam auf abendfüllende Länge gezerrten Slasher voller Plotlöcher. Irgendwann werden Smartphones eingesammelt – eine wirkliche inhaltliche Motivation außer einem gewissen „Retro-Feeling“ gibt es dafür allerdings nicht. Doof nur, wenn man mal die Polizei anrufen müsste. Und der sich teleportierende Micky-Maus-Geist scheint nur durch Stroboskop-Flimmerlicht (wie von einem Filmprojektor) festgehalten werden zu können – was aber irgendwann plötzlich auch nicht mehr klappt...
Der Killer hinter der starren Mickey-Maus-Maske aus 1960er Jahren kommt dabei auch reichlich generisch daher. Auf jegliche Wesensmerkmale wie etwa die typische Quietsche-Stimme wurde auch wegen Angst vor Rechtsstreitigkeiten verzichtet (es ist wirklich nur der Mickey aus „Steamboat Willie“ rechtefrei, alles andere, was erst später zu der Figur dazukam, unterliegt weiterhin dem Copyright). Umso enttäuschender, dass auch die erst gegen Ende zumindest mit etwas (schlecht getricksten) Kunstbluteinsatz einhergehende Morde nach Schema F nie einen selbstironischen Disney-Anstrich erhalten. Wenn man die niedliche Disney-Ikone schon auf diese Art für ein paar schnell verdiente Dollar „missbraucht“, dann doch bitte richtig und mit Schmackes!
Natürlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Aber die Chancen, dass es im bereits abgedrehten Sequel „The Mouse Trap: Welcome To The Mickeyverse“, in dem dann auch Mickeys Freundin Minnie mitmeucheln wird, mit mehr Energie zur Sache geht, erscheinen uns doch als sehr gering.
Fazit: Dieser langweilige und spannungsfreie 08/15-Slasher versagt trotz witziger Prämisse auf ganzer Linie. „The Mouse Trap“ ist eine wahre Filmfalle – nicht nur für Disney-Fans, die sich im Videothekenregal vergreifen, sondern auch für Horrorfans, die eigentlich schon sehr genau wissen, worauf sie sich hier einlassen.
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